Micron Document
____ _ _ _ _
| _ \ ___ | |_ (_) _ __ ___ __| | (_) __ _
| |_) | / _ \ | __| | | | '_ \ / _ \ / _| | | | / _ |
| _ < | __/ | |_ | | | |_) | | __/ | (_| | | | | (_| |
|_| \_\ \___| \__| |_| | .__/ \___| \__,_| |_| \__,_|
|_|


The NomadNet German Wikipedia | Archives | Info
- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b

🔍 Search

ÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻ

Émile oder Über die Erziehung
──────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────
top
Émile oder Über die Erziehung (französisch Émile ou De l’éducation) ist das 1762cite-ref-1[1] publizierte reformpĂ€dagogische Hauptwerk Jean-Jacques Rousseaus. In einer Mischung aus Abhandlung und exemplarischem Bildungsgang in Romanform beschreibt der Autor Jean-Jacques zur Veranschaulichung seiner Theorie die Erziehung Émiles von seiner Geburt an bis zu seiner Heirat mit Sophie. Die erste deutsche Ausgabe Aemil oder Von der Erziehung erschien in einer anonymen Übersetzung im selben Jahr in Berlin.cite-ref-a6-2-0[A 1]

Contents

‱ Inhalt
‱ Erziehung
‱ Literatur
‱ Weblinks

──────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────

Inhalt

Motto

Sanabilibus aegrotamus malis; ipsaque nos in rectum genitos natura, si emendari velimus, juvat. (Seneca)cite-ref-a9-3-0[A 2]

Erster Lebensabschnitt (1. Buch)

Zu Beginn des ersten Buches beschreibt der Autor die GrundsĂ€tze seiner Lebensphilosophie und Erziehungsmethode. Um diese dem Leser, den er oft anspricht, an Beispielen der Praxis zu veranschaulichen und fĂŒr seine PĂ€dagogik zu werben, denkt er sich eine Modellsituation aus, in der ein Erzieher mit dem Namen Jean-Jacques den Jungen Émile bis zu seiner Heirat mit der ihm seelenverwandten Sophie nach seiner Theorie ausbildet.cite-ref-a1-4-0[A 3]

In den ersten vier BĂŒchern schildert der Erzieher Jean-Jacques seine PĂ€dagogik am Beispiel des aus einer reichen Familie stammenden, durchschnittlich begabten Waisenkindes Émile, das er in einem Land mit gemĂ€ĂŸigtem Klima, in dem sich seine QualitĂ€ten am besten entwickeln können, 25 Jahre lang bis zur SelbstĂ€ndigkeit begleitet. Am Ende des 4. Buches beschreibt er, wie er sich, nach Horazcite-ref-a5-5-0[A 4], fĂŒr Émile das ideale Leben auf einem kleinen Landgut vorstellt: „Dem Mann von Geschmack, dem wirklichen Genießer bedeutet Reichtum nichts – ihm genĂŒgt es frei und sein eigener Herr zu sein. Wer gesund und im Besitz des Notwendigsten ist, ist reich genug, wenn er die Vorurteile falscher Meinung aus seinem Herzen bannt.“

NaturkrÀfte

Da Émile ein gesundes Kind ist, wird seine Erziehung weitgehend den KrĂ€ften der Natur ĂŒberlassen. Wegen der frischen Luft und der dem Menschen schĂ€dlichen Enge der Stadt lebt er auf dem Land. Bei kleinen Erkrankungen vertraut Jean-Jacques auf die AbwehrkrĂ€fte, verabreicht keine Arznei und ruft nur im Notfall einen Arzt. Émile hat zwei feste Bezugspersonen. Eine Amme ernĂ€hrt das Kind gesund und ausgewogen, vorwiegend vegetarisch. Sie achtet auf die Hygiene, das regelmĂ€ĂŸige Waschen des Kindes mit kaltem Wasser und auf eine nicht den Bewegungsdrang einengende Kleidung. Die beiden Paten orientieren sich an den BedĂŒrfnissen des Kindes. Alles NatĂŒrliche ist prinzipiell gut. Die Schreie des Babys sind nicht als Bösartigkeit, sondern als SchwĂ€che zu interpretieren: „Alles Bösartige entspringt der SchwĂ€che. Das Kind ist nur böse, weil es schwach ist. Macht es stark, und es wird gut sein. [
] Weit entfernt, ĂŒberflĂŒssige KrĂ€fte zu haben, haben die Kinder nicht einmal genug, um allen Anforderungen der Natur gewachsen zu sein. Deshalb muss ihnen der freie Gebrauch derer, die sie ihnen gibt und die sie nicht missbrauchen können, ĂŒberlassen bleiben“ (Erste Maxime, 1. Buch).cite-ref-6[2]

Allerdings werden Forderungen des Kindes nach Zuwendung ĂŒber seine natĂŒrlichen BedĂŒrfnisse hinaus ignoriert, um es an die Notwendigkeit der Natur zu gewöhnen. So hilft der Erzieher nur in Angstsituationen, reagiert aber nicht auf jĂ€hzorniges Schreien und bewahrt das Kind auch nicht vor jeder Schmerzerfahrung, z. B. wenn es beim Laufenlernen fĂ€llt. Da das Kind in dieser Phase noch keine ErklĂ€rungen versteht, nicht ĂŒber sein Verhalten reflektieren kann und die Umwelt als seinen Besitz auffasst, muss man es seine Grenzen erfahren lassen.

Jean-Jacques vertraut auch beim Sprechenlernen der Natur. Er benutzt nur einfache, dem Kind verstĂ€ndliche Wörter und versucht nicht die Entwicklung durch gezielte Übungen zu beschleunigen, sondern er verzichtet auf Ermahnungen und Verbesserungen, ĂŒbergeht die Fehler und antwortet einfach in korrekter Formulierung. Das gilt auch fĂŒr die Artikulation: Durch das Leben in der Natur muss das Kind, um verstanden zu werden, anders als im bĂŒrgerlichen Zimmer, sowieso laut und deutlich sprechen, wie es bei den Bauern ĂŒblich ist.

Motto: „Vivit, et est vitae nescius ipse suae“cite-ref-a3-7-0[A 5]

Zweiter Lebensabschnitt (2. Buch)

Selbstbewusstsein

In der zweiten Phase der Entwicklung (ca. 5.–12. Lebensjahr), die bei Jean-Jacques Zögling mit der „Reife der Kindheit“ abschließt, „beginnt die eigentliche individuelle Existenz; jetzt wird der Mensch sich seiner selbst bewusst. [
] Darum ist es so wichtig, ihn von jetzt ab als ein geistiges Wesen anzusehen.“ Bei allen Erziehungsmaßnahmen ist es „die vornehmste Aufgabe“, „menschlich“ zu sein: „Seid es jedem Lebensalter gegenĂŒber, allen StĂ€nden. [
] Welche Weisheit habt ihr denn noch außer der Menschlichkeit? Liebt die Kindheit, fördert ihre Spiele, ihre Freuden und ihren liebenswerten Instinkt.“ Jean-Jacques kritisiert eine PĂ€dagogik, die im Kind böse Neigungen des Menschen mit harten Strafen bekĂ€mpfen will, um es fĂŒr die Zukunft zu veredeln:

„Wir wissen nicht, was das absolute GlĂŒck oder UnglĂŒck ist. In diesem Leben ist alles vermengt.“ Die WĂŒnsche des Menschen werden nicht eingeschrĂ€nkt, sondern mit seinen FĂ€higkeiten, mit Vermögen und Willen, in ein Gleichgewicht gesetzt, wie dies in seinem ursprĂŒnglichen, glĂŒcklichen Zustand vollkommen der Fall war. „Der wahrhaft freie Mensch will nur das, was er kann, und tut nur, was ihm passt.“ Am Abstand der Vorstellungen von der realen Welt beginnen die Leiden: „Lebe natĂŒrlich, sei geduldig und verjage die Ärzte“, und mit ihnen die tĂ€glichen Todesgedanken. Über die Vorsorge fĂŒr die ungewisse Zukunft, ein imaginĂ€res GlĂŒck, vergessen die Menschen die Gegenwart: „Wir existieren nicht mehr da, wo wir sind, sondern nur noch da, wo wir nicht sind“.

Gleichgewicht der KrÀfte

Die Erhaltung des Gleichgewichts fĂŒr die Kinder erfordert es, deren SchwĂ€che der Natur gegenĂŒber durch Zuneigung auszugleichen. Alle vernĂŒnftigen WĂŒnsche der Kinder werden, wenn sie ihrem Entwicklungsstand entsprechen, ohne Verhandlungen akzeptiert: Den unvernĂŒnftigen, egoistischen WĂŒnschen der Kinder dĂŒrfen nur natĂŒrliche WiderstĂ€nde entgegengesetzt werden, z. B., ohne Diskussion, der Hinweis auf die begrenzten Ressourcen („Es ist nichts mehr da“). An die Stelle einer Bestrafung tritt die Erfahrung des Kindes aus seiner falschen Handlung (Selbstbelehrung): Wenn es mutwillig die Fensterscheiben einwirft, werden diese nicht ersetzt und es friert in der Nacht und lernt daraus. „Bewilligt mit Freude und verweigert es nur mit Bedauern, jedoch unwiderruflich.“ So erzieht man das Kind „zur Geduld, zur Ausgeglichenheit, zum friedfertigen Sich-Abfinden, sogar dann, wenn es das GewĂŒnschte nicht erreicht hat.“

Gesellschaftskritik

Viele Eltern suggerieren in das Kind mehr BedĂŒrfnisse oder KrĂ€fte hinein, als es hat. Deshalb ist es wichtig, mit der Liebe, aber auch mit den AnsprĂŒchen Maß zu halten, was jedoch durch gesellschaftliche PrĂ€gungen nicht einfach ist. Dieses mit den WidersprĂŒchen im sozialen System zusammenhĂ€ngende Problem versucht der Autor mit einem Grundgedanken aus seinem Contrat socialcite-ref-8[3] zu lösen: Die Gesetze der Nationen mĂŒssten die unbeugsame Kraft der Natur haben, die jedem menschlichen Einzelwillen ĂŒberlegen ist, „dann wĂŒrde die AbhĂ€ngigkeit von den Menschen wieder zu der von Dingen“. Konkret bedeutet das fĂŒr das Belohnungs- bzw. Bestrafungssystem, die konventionellen Methoden zu vermeiden, welche die gefĂ€hrlichen Leidenschaften aktivieren wie „Wetteifer, Eifersucht, Neid, Eitelkeit, Habgier, Feigheit“.

Persönlichkeitsbildung

Die gesellschaftlichen Wertevorstellungen sind nur allmĂ€hlich verĂ€nderbar und die Kinder können nicht in einer abgeschotteten Idylle außerhalb eines gesellschaftlichen Umfeldes aufwachsen. Jean-Jaques hofft auf die Ausstrahlungskraft seiner Zivilisationskritik auf den Leser und eine dadurch ausgelöste das System verĂ€ndernde Bildungsreform. Seine Kritik entzĂŒndet sich am luxuriösen Lebensstil des Adels mit seiner UnverhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit in allen Dingen: Essen, Kleidung, Wohnung, UnselbstĂ€ndigkeit, Arroganz, Formbewusstsein, Etikette usw. Vorbild ist ein einfacher nachhaltiger Lebensstil mit praktischer Kleidung und derber Nahrung. Das Ideal sind Autarkie und Freiheit. Er kritisiert nicht nur die autoritĂ€ren Lehrmethoden mit ihren Schemata, dem Auswendiglernen vorgegebenen BĂŒcherwissens und den vielen Vorschriften, sondern auch den traditionellen Bildungskanon (alte Sprachen, Geographie, Geschichte, Literatur usw.), der nicht am VerstĂ€ndnis und an den BedĂŒrfnissen der Kinder orientiert sei, sondern an den Vorstellungen der Lehrer. Die Fabeln von La Fontaine wĂŒrden ein Weltbild des Betrugs und der LĂŒge vermitteln und sich ĂŒber das dumme Opfer lustig machen (Der Fuchs und der Rabe) oder ein Arbeitsethos proklamieren (Die Grille und die Ameise).

Anstelle theoretischer Naturkunde lernen die Kinder die Natur selbst kennen: Gartenbau und gesunde pflanzliche ErnĂ€hrung bei der Pflege eines Gartens und anstelle BĂŒcher-Geographie die Orientierung in der Umgebung. Bei beiden AktivitĂ€ten krĂ€ftigen sich Geist und Körper gegenseitig. Die Motivation zum Lesenlernen kommt, wenn die Kinder Briefe erhalten und den Inhalt erfahren wollen. AusfĂŒhrlich beschreibt der Autor Spielsituationen zur Schulung der Sinne und der Orientierung, zur Überwindung der Angst und StĂ€rkung der Laufmuskulatur. Hat der ihm anvertraute SchĂŒler sich am Lauftraining anfangs nur wegen eines Kuchens als Belohnung beteiligt, so spielt der Preis schließlich keine Rolle mehr und er verschenkt ihn. Alles, was den Kindern Freude macht, wird fĂŒr die PĂ€dagogik genutzt: Singen, Malen und sportliche AktivitĂ€ten, auch solche, die bisher den Erwachsenen vorbehalten waren: Bogenschießen, die verschiedenen Ballspiele, Billard usw. Dabei kommt es nicht auf die QualitĂ€t an, sondern auf die Schulung der Sinne und Organe sowie den Umgang mit den Materialien. Die ungeschulten KĂŒnstler malen direkt in der Natur (Die Natur als Lehrer) und studieren dazu deren Proportionen. Die Beobachtungen können in geometrischen Zeichnungen abstrahiert fortgesetzt werden.

Dritter Lebensabschnitt (3. Buch)

Naturbeobachtungen und -experimente

In der dritten Phase der Kindheit (ca. 12-15 Jahre) hat der naturpĂ€dagogisch betreute Jugendliche eine stabile Persönlichkeit mit viel Potential entwickelt, aber seinen begrenzten Wissenshorizont gilt es jetzt mit Anleitungen zu erweitern. Dazu lenkt Jean-Jacques die Aufmerksamkeit auf NaturphĂ€nomene und weckt durch Betrachtung des Sternenhimmels die Neugier und natĂŒrliche Wissbegierde, die PhĂ€nomene zu beobachten und ErklĂ€rungen dafĂŒr zu finden, z. B. fĂŒr die Punkte des Sonnenaufgangs bzw. -untergangs und die Sonnenbahn im Jahresverlauf oder die Bewegung der Planeten. Zur ErklĂ€rung der PhĂ€nomene regt der Erzieher seinen SchĂŒler durch Fragen zum neuen Beobachten und zum selbstĂ€ndigen Denken an: Auch hierbei ersetzt der eigene Kopf die AutoritĂ€ten. Der Jugendliche versucht erst, sich selbst zu helfen, bevor er um Hilfe bittet. Um die Naturgesetze kennen zu lernen, schlĂ€gt der Autor eine ganze Reihe von Experimenten aus den Gebieten der Physik, Chemie und Geographie vor: Erdanziehung, Magnetismus, Kondensation, chemische Verbindungen, Strahlenbrechung im Wasser usw. Dabei geht es nicht darum, einen Bildungskanon zu entwickeln. FĂŒr die Auswahl ist allein entscheidend, dass der SchĂŒler das Gelernte auch begreift und einen Nutzen fĂŒr sich sieht.

ErfahrungspÀdagogik

Das Grundprinzip der Rousseau‘schen PĂ€dagogik bleibt auch in dieser Phase erhalten: Lernen aus eigenen Erfahrungen und nicht aus BĂŒchern. Der Autor empfiehlt seinem SchĂŒler als einziges Buch Defoes Robinson Crusoe. U. a. lernt Émile an diesem literarischen Beispiel, den Wert der handwerklichen Arbeiten zu schĂ€tzen. Daran schließen sich Besuche in handwerklichen Betrieben an. Bisher waren gesellschaftliche Beziehungen und Systeme aus der PĂ€dagogik ausgeschlossen, nun wird diese Thematik durch die neuen handwerklichen Erfahrungen vorbereitet: Hier kann Émile die gegenseitige AbhĂ€ngigkeit und NĂŒtzlichkeit der Menschen von- und fĂŒreinander erkennen, den Austausch der Rohstoffe und Waren, die Arbeitsteilung und die Bedeutung des Geldes. Er sieht auch, dass das Ansehen der Handwerker in der Gesellschaft oft nicht ihrer Bedeutung entspricht. Bei einem luxuriösen Festessen erkennt Émile, dass viele LĂ€nder der Erde dazu beigetragen haben, und er vergleicht es mit einem einfachen, aus selbst angebauten FrĂŒchten hergestellten Bauernessen, das genauso sĂ€ttigt und bei dem man noch mehr VergnĂŒgen findet als bei der Etikette des Salons.

Gesellschaftsreform

An dieser Stelle erklĂ€rt der Autor sein Gesellschaftsbild: Im traditionellen Feudalsystem ist die neue PĂ€dagogik allgemein nicht realisierbar. Diese erfordert ein Umdenken bei den Adligen, Geistlichen und GroßbĂŒrgern. Jean Jacques ahnt, dass es ohne Reformen zu einer Revolution und zu einer Abschaffung feudaler Privilegien kommen wird. Der Autor postuliert eine Verpflichtung des BĂŒrgers der Gesellschaft gegenĂŒber: „Der Mensch und der BĂŒrger [
] hat der Gesellschaft kein anderes Gut zu bieten als sich selbst, alle seine anderen GĂŒter besitzt sie [die Gesellschaft] schon, ob er will oder nicht.“ Auch am Reichtum eines Einzelnen hat die Öffentlichkeit Anteil. Lebt der Einzelne außerhalb der Gesellschaft, ist er niemandem verpflichtet, innerhalb der Gesellschaft schuldet der Einzelne, ab arm oder reich, durch seine Arbeit den Preis fĂŒr seinen Unterhalt. „Jeder mĂŒĂŸiggehende BĂŒrger ist ein BetrĂŒger.“

Handwerk

FĂŒr Jean-Jacques ist es wichtig, dass Émile ein mĂ€nnliches Handwerk lernt, und er wird mit ihm zusammen in die Lehre gehen. Er hĂ€lt das Schreinerhandwerk fĂŒr geeignet, ĂŒberlĂ€sst dem SchĂŒler jedoch die Entscheidung. Das Handwerk wird nicht sein Hauptberuf werden, sondern er lernt es wegen der technischen FĂ€higkeiten und als Teil seiner Bildung. Denn der Mensch „soll wie ein Bauer arbeiten und wie ein Philosoph denken und nicht wie ein Wilder in den Tag hineinleben.“ Zudem fĂŒhren Leibes- und GeistesĂŒbungen zur wechselseitigen Entspannung.

Am Ende der dritten Kindheitsphase kann Émile mit seinem offenen, intelligenten Geist die Natur mit seinen Sinnesempfindungen beobachten, darĂŒber nachdenken und unabhĂ€ngig von der Meinung anderer beurteilen. Er weiß nicht viel, kennt keine wissenschaftlichen Begriffe und Abstraktionen, aber das Wenige hat er alleine gelernt. V. a. weiß er, „dass es viele Sachen gibt, die er nicht weiß, aber eines Tages wissen kann.“ Wichtig ist nicht die Wissensvermittlung, sondern die Methode des Wissenserwerbs. Er fragt bei allem, was er tut, „wozu ist das gut?“ Und bei allem, was er glaubt, „warum?“

Bisher war Émile bei allem auf sich selbst bezogen. Auf der nĂ€chsten Stufe muss er sich, zur Vollendung seiner Bildung, zu einem liebenden und fĂŒhlenden Wesen entwickeln.

Vierter Lebensabschnitt (4. Buch)

PubertÀt

Der 4. Lebensabschnitt (ca. 15-20 Jahre) ist die Zeit der PubertĂ€t. Der SchĂŒler wird sich seines Geschlechts bewusst, verlĂ€sst den Bereich des Einzelwesens und interessiert sich fĂŒr eine Partnerin. Das erfordert eine Erweiterung der PĂ€dagogik um den sozialen Aspekt. Bei der Frage der sexuellen AufklĂ€rung rĂ€t Jean-Jacques zur ZurĂŒckhaltung des Erziehers, aber zu einfachen ErklĂ€rungen ohne Umschweife in einer klaren Sprache. Wichtiger als die Biologie ist die Moral, denn der Erzieher muss verhindern, dass der sexuelle Trieb zu unmenschlichen und grausamen Ausschweifungen fĂŒhrt. Vielmehr soll Émile zu sanften und zĂ€rtlichen Leidenschaften geleitet werden, wie es seiner Natur entspricht. In der großen Stadtgesellschaft mit ihren oberflĂ€chlichen Verlockungen ist die Gefahr der Verwirrung viel grĂ¶ĂŸer als in ĂŒberschaubaren kleinen Landzirkeln. Zur weiteren Verzögerung der sexuellen AktivitĂ€ten lenkt Jean-Jacques die Aufmerksamkeit Émiles auf andere Bereiche, v. a. auf körperliche, handwerkliche Arbeiten, die Jagd und geistige BeschĂ€ftigungen mit BĂŒchern „der Alten“, die dem „GeschwĂ€tz der Akademien“ und Zeitungen vorzuziehen sind, aber auch auf Theaterbesuche zur Erheiterung und Studium der VerfĂŒhrung der Herzen.

Mitleid

In dieser Zeit großer Emotionen fĂŒr Freundschaften und Liebe stĂŒtzt sich Jean-Jacques PĂ€dagogik auf das Leid und Mitleid, „das erste BeziehungsgefĂŒhl, das das menschliche Herz nach der Ordnung der Natur anrĂŒhrt“. Hierzu stellt er drei Maximen auf:

1. Es liegt nicht im menschlichen Herzen, sich in die Menschen hineinzuversetzen, die glĂŒcklicher sind als wir, sondern nur in die, die unglĂŒcklicher sind.
2. Man beklagt nur die Leiden anderer, vor denen man sich selbst nicht gesichert glaubt.
3. Das MitgefĂŒhl fĂŒr die Leiden anderer richtet sich nicht nach der GrĂ¶ĂŸe des Übels, sondern nach dem GefĂŒhl, das man den Leidenden zuerkennt, d. h. wenn man ihn fĂŒr beklagenswert hĂ€lt.

Anwalt der UnterdrĂŒckten

Mit der KnĂŒpfung einer Freundschaft tritt Émile in die moralische Ordnung ein, „den zweiten Schritt der Menschwerdung“, und damit beginnt bei der Orientierung in der Gesellschaft die Problematik des Vergleichs mit anderen Menschen und die Unterscheidung von Fassade und Kern einer Persönlichkeit. Zur Distanzierung von aktuellen Situationen zeigt Jean-Jacques seinem SchĂŒler Menschen aus anderen Zeiten und anderen Gegenden. Am geeignetsten dafĂŒr erscheinen ihm die anekdotenhaften, den Kern der Persönlichkeit erfassenden Menschenbilder Plutarchs, die zugleich einen Lehrgang in praktischer Philosophie sind und das menschliche Scheitern vieler Machthaber demonstrieren. Jetzt ist im Bildungsgang die Zeit fĂŒr die zuvor skeptisch beurteilten Fabeln gekommen, die die SchwĂ€chen der Menschen bloßstellen. Dabei wird Émile eigene MĂ€ngel feststellen, und die Fabeln sollen ihm helfen, ohne Bloßstellung und ohne Verletzung des eigenen gutwilligen Charakters, die Defizite zu verarbeiten. Am Ende dieser Entwicklung ist Émile eine in sich ruhende Persönlichkeit, die ihren Weg geht. Er macht alles, was er als gut und nĂŒtzlich erkennt, begegnet den Menschen vorurteilslos mit MitgefĂŒhl und wird sich einmal „mit beharrliche[r] Entschlossenheit [
] bis zu den Stufen des Thrones“ zu dem „Interessensvertreter“ der UnterdrĂŒckten und UnglĂŒcklichen machen.

NatĂŒrliche Religion

Zwar wurde Émile dazu erzogen, nichts Böses zu tun, doch hat er in den ersten Jugendjahren nichts von der Religion gehört. Jetzt wird er im gesellschaftlichen Rahmen damit konfrontiert. Der Autor gibt in diesem Zusammenhang das „Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars“ wieder, dessen Vorstellung von einer harmonischen und guten kosmischen Ordnung als Grundlage fĂŒr die Ideale des Menschen ihn ĂŒberzeugt hat und die Basis seiner PĂ€dagogik bildet:

Nach dem Studium vieler Philosophen v. a. Descartes ist sich der Vikar seiner selbst, seines begrenzten Verstandes und des Universums bewusst. Auf dieser Basis des Deismus oder der natĂŒrlichen Religion leitet er verschiedene Glaubensartikel voneinander ab:

1. Jede ursprĂŒngliche Bewegung entsteht nur aus einem spontanen, willentlichen Akt und ohne Willen gibt es keine wirkliche Handlung.
2. Die nach gewissen Gesetzen bewegte Materie weist auf eine Intelligenz hin.
3. Der Mensch ist frei in seinen Handlungen und als solcher von einer immateriellen Substanz belebt.

Der Vikar schließt aus seinen Argumenten auf einen intelligenten Schöpfergott und lehnt die Hypothese eines durch zufĂ€llige Materieverbindung entstandenen Kosmos ab. Die Schöpfung sei auf Harmonie und Erhaltung hin konstruiert und der vernunftbegabte Mensch solle der Natur entsprechend leben und seine guten Eigenschaften entwickeln. Im zweiten Teil seiner Abhandlung untersucht der Vikar die verschiedenen Religionen, die alle beanspruchen, die einzig wahre zu sein, sich dabei aber nur auf Aussagen einzelner Propheten und der von ihnen verfassten BĂŒcher beziehen und nicht auf eine an alle Menschen gerichtete Botschaft. In diesen Schriften entdeckt er viele WidersprĂŒche zum vernĂŒnftigen Denken, aber auch Gemeinsamkeiten in der NĂ€chstenliebe. Daraus folgert er, dass die Religionen friedlich nebeneinander leben und im Umgang miteinander den gemeinsamen menschlichen Kern pflegen könnten.

Rollenwechsel

Émile ist jetzt mit 20 Jahren in einem Alter, in dem er von immer grĂ¶ĂŸer werdenden Gefahren, „dem blinden Trieb seiner Sinne“, bedroht wird, vor denen ihn der Lehrer nicht mehr schĂŒtzen kann. Die „glĂŒckliche Zeit“ der Unschuld ist vorbei und Jean-Jacques zieht sich von seiner FĂŒhrung zurĂŒck und ĂŒbertrĂ€gt dem SchĂŒler die Verantwortung fĂŒr sein Handeln. Er kann ihn jetzt nur noch als vĂ€terlicher Freund vor Gefahren warnen. Um das VertrauensverhĂ€ltnis zu erhalten, legt er ihm Rechenschaft ĂŒber seine Ziele und Methoden ab und spricht mit ihm ĂŒber ihre kĂŒnftige Beziehung. Dabei malt er mit feierlicher Beredsamkeit und Begeisterung die glĂŒckliche Zukunft, die Freuden der Freundschaft, Liebe, Treue, Ehe und Familie aus und spricht von der „Heiligkeit seiner Pflicht“, wĂ€hrend der schwierigen Entwicklungsphase die Vernunft des JĂŒnglings mit seinen Erfahrungen zu unterstĂŒtzen. So erreicht er, dass sich Émile freiwillig unter seinen Schutz und seine AutoritĂ€t stellt und seine Beratung akzeptiert, ohne es eigentlich zu merken. Dieser Paktcite-ref-a2-9-0[A 6] wird feierlich besiegelt.

Partnersuche

Jean-Jacques nutzt seine AutoritĂ€t jedoch nicht, um Émiles sexuelle Entwicklung weiterhin zu verzögern, sondern er sucht ihm eine GefĂ€hrtin mit dem glĂŒcksbringenden Namen Sophie. Er beschreibt ihre VorzĂŒge, erweckt seine Vorstellungskraft und Leidenschaft fĂŒr die zukĂŒnftige Geliebte und Ehefrau und fĂŒhrt seine sexuelle Lust auf die Ebene der Kontemplation und Sublimation. Émile wird dadurch vor dem Vorbild falscher Freunde und dem leichtfertigen Verkehr mit Dirnen und verheirateten Frauen bewahrt und sucht die NĂ€he behĂŒteter heiratsfĂ€higer MĂ€dchen. Sein Auftreten in der Gesellschaft ist ein Abbild seiner Erziehung und gefĂ€llt den Frauen: Er gilt als „liebenswĂŒrdiger Fremder“, bescheiden und höflich, aber nicht unterwĂŒrfig, freundlich zurĂŒckhaltend im GesprĂ€ch, aber mit natĂŒrlichem Selbstbewusstsein, von klarem Verstand, aber sich seines begrenzten Wissens bewusst, geduldig im Zuhören, aber unabhĂ€ngig von der Meinung anderer. Da er, wie Jean-Jacques ahnt, seine Idealfrau in Paris nicht findet, gehen die beiden auf Reisen. Sie wandern ohne Eile und festes Ziel durch die Landschaften, verweilen, wo es ihnen gefĂ€llt, erkunden die Natur, z. B. Mineralien in SteinbrĂŒchen und verirren sich in der Wildnis. Eines Abends fĂŒhrt der Mentor Émile wie zufĂ€llig zum Haus von Sophies Eltern.

Im 5. Buch werden die beiden StrĂ€nge der Romanhandlung zusammengefĂŒhrt.

FĂŒnfter Lebensabschnitt (5. Buch)

MĂ€dchenerziehung

Jean-Jacques geht bei vielen Ähnlichkeiten, wie dem gleichen „gesunden Menschenverstand“, von prinzipiellen naturbedingten Unterschieden zwischen den Geschlechtern aus: Die Frau ist geschaffen, „dem Mann zu gefallen [
] und sich zu unterwerfen“, ihm „nĂŒtzlich“ zu sein und sich von ihm „lieben und achten“ zu lassen, fĂŒr ihn zu „sorgen“, ihn zu „beraten“, zu „trösten“, ihm „ein angenehmes und sĂŒĂŸes Dasein“ zu bereiten. Ihre Macht liegt in ihren Reizen. Durch ZurĂŒckhaltung und Scham macht sie sich das stĂ€rkere Geschlecht untertan. Wichtig ist ihr guter Ruf in der öffentlichen Meinung. Aber sie ist nicht nur Hausfrau und Mutter, sie soll „denken, urteilen, lieben und erkennen, dass sie ihren Geist pfleg[t] wie ihr Aussehen – das sind ihre Waffen, die [die Natur] ih[r] als Ersatz fĂŒr ihre [fehlende] Kraft gibt.“ Durch ihre „besondere SchlĂ€ue“ beherrscht sie den Mann, indem sie sich ihm unterordnet. Sie muss aber nur das lernen, „was zu wissen [ihr] gemĂ€ĂŸ ist“. Aus diesen Unterschieden folgt die Erziehung der MĂ€dchen, die sich im Hinblick auf ihre „Pflichten [
] zu allen Zeiten“ den MĂ€nnern gegenĂŒber „vollziehen“ muss, allerdings mit EinschrĂ€nkung auf die „verdienstvollen, wahrhaft liebenswerten“ MĂ€nner. Die MĂ€dchen mĂŒssen die gesellschaftlichen Strukturen und ihre Regeln kennen, aber ihre Studien sollen sich auf die Praxis beziehen, denn die Erforschung abstrakter und spekulativer Wahrheiten und der exakten naturkundlichen Wissenschaften gehört nicht zu den Aufgaben der Frau. Sie wendet die Prinzipien, die der Mann gefunden hat, an und reflektiert darĂŒber. Die Werke des Geistes ĂŒbersteigen das Fassungsvermögen der Frauen, sie kann nichts außerhalb ihrer selbst erkennen. Die Frau beobachtet und der Mann denkt. „Aus diesem Zusammenwirken ergeben sich die klarsten Erkenntnisse und die vollkommenste Wissenschaft, die der menschliche Geist aus sich selbst erwerben kann“.

Die Methoden der PĂ€dagogik Jean-Jacques fĂŒr die MĂ€dchen entsprechen im Wesentlichen denen der Jungen: Liebevolle FĂŒrsorge ohne Übertreibung, Vorbild der tugendhaften Mutter, Zeit zum Spielen und zur Entwicklung der natĂŒrlichen Eigenschaften nach ihren Neigungen, praktische Religion des Herzens ohne fĂŒr Kinder unverstĂ€ndliche LehrsĂ€tze der Katechismen, wenige Vorschriften und Strafen usw.

FĂŒr den Autor stellt sich die Frage, ob man es bei der Erziehung der MĂ€dchen in die alltĂ€glichen Aufgaben der Frau belassen und sie „in allem Übrigen in tiefer Unwissenheit“ lassen soll. FĂŒr den lĂ€ndlichen Raum erscheint ihm dies akzeptabel zu sein. Im „friedlichen und hĂ€uslichen Leben des Elternhauses gewinnen sie durch die Erziehung der Mutter den Sinn fĂŒr das eigene Heim“.

In der stĂ€dtischen Gesellschaft, wo es kein richtiges Familienleben mehr gibt, die Ehen oft nur formal bestehen und die MĂ€dchen im Kloster erzogen und dann ohne Vorbereitung der Gesellschaft ausgesetzt werden, wĂ€re diese UnmĂŒndigkeit gefĂ€hrlich und könnte von leichtfertigen MĂ€nnern ausgenutzt werden. Zur PrĂ€vention sollten die MĂ€dchen die StĂ€tten der VergnĂŒgungen, BĂ€lle, Feste, Spiele durch Beobachtung kennenlernen, um sich vor dem „trĂŒgerischen Bild“ des GlĂŒckes schĂŒtzen. Durch die Schilderung eines „vortrefflichen Mannes von Verdiensten“ können sie die Tugend der Liebe entdecken und ihn „um ihretwillen“ lieben. Wenn auch diese, durch die Vernunft herbeigefĂŒhrte Liebe nur eine Illusion ist, so sind doch die GefĂŒhle, die sie „dem wahren Schönen“ aufschließen, Wirklichkeit.

Jean-Jacques plĂ€diert fĂŒr die freie Partnerwahl nach Zuneigung, sieht aber fĂŒr eine glĂŒckliche Ehe gewisse soziale Schranken: Am besten ist eine finanzielle, ethische und bildungsmĂ€ĂŸige Gleichheit. Sein Rat ist: „Strebt in allem nach dem Mittelmaß, ohne selbst die Schönheit davon auszunehmen.“ Ist dies nicht der Fall, soll ein Mann, im Gegensatz zur Frau, nicht ĂŒber seinen Stand heiraten, er wĂŒrde von den Schwiegereltern und auch von seiner Gattin nicht als gleichgestellt angesehen werden. Auch eine „schöngeistige Frau“ oder eine „große Schönheit“ sei nicht zu empfehlen: In der „erhabenen Höhe ihrer schönen Seele“ verabscheut die eine alle weiblichen Pflichten, die andere ist in der Gesellschaft vielen VerfĂŒhrungen ausgesetzt. Eine umgekehrte Ungleichheit sieht der Autor als weniger problematisch an, da der Mann seine Gattin zu sich empor hebt.

Sophie

In diesem Geist wurde Sophie von ihren Eltern auf dem Land erzogen. Sie ist ebenso wie Émile „aus gutem Haus und gutem Naturell [sowie] empfindsamen Herzens“. Ihr Temperament ist „gutartig und doch ausgeglichen“. Sie entspricht Jean-Jacques Idealbild eines MĂ€dchens, das auch kleine SchwĂ€chen zulĂ€sst, und passt perfekt zu Émile: Sie ist motiviert fĂŒr Tanz und Musik, die Schneiderei ihrer Kleidung, die HaushaltsfĂŒhrung, die Sauberkeit in allen Dingen usw. Sie hat einen „anziehenden, aber nicht brillanten Geist, der solide ist, ohne tief zu sein“ und der sich nicht an der LektĂŒre herangebildet hat, sondern an den Unterhaltungen ihrer Eltern, durch ihr eigenes Nachdenken und die Beobachtungen der Leute.

Ihre Eltern haben einen Großteil ihres Vermögens verloren, aber sie haben sich damit abgefunden, leben bescheiden und zufrieden in einem Dorf und haben die Tochter tugendhaft erzogen. In Umkehrung der Konvention darf Sophie sich ihren Ehemann aussuchen und die Eltern haben ein Vetorecht. Ihr Schwiegersohn muss nicht reich, aber ehrenwert sein. Als ihre Tochter 15 Jahre alt ist, sprechen sie mit ihr ĂŒber ihre Zukunft. Da im Dorf kein zu ihren Lebensvorstellungen passender junger Mann zu finden ist, vertrauen sie Sophie ĂŒber Winter ihrer Tante in der Stadt an, die sie in die Gesellschaft einfĂŒhrt, wo sie sich nach einem Partner umschauen kann. Doch sie findet keinen und kehrt traurig zu den Eltern zurĂŒck, da ihr LiebesbedĂŒrfnis nicht befriedigt wurde. Ihren Idealmann hat sie nur in FĂ©nelons „Aventures de TĂ©lĂ©maque“ gefunden.

Sophie und Émile

Als Émile und sein Mentor eines Abends auf ihrer Wanderung bei Sophies Eltern um eine Übernachtung bitten, entdecken die beiden Jugendlichen schnell, dass sie seelenverwandt sind. An Émiles TrĂ€nen ĂŒber den unglĂŒcklichen gesellschaftlichen Abstieg von Sophies Eltern erkennt sie seine GefĂŒhle. Auch ihm gefĂ€llt ihre SensibilitĂ€t und ihre verschĂ€mte liebreizende Art. Er möchte sofort in ihrer NĂ€he eine Wohnung suchen, doch sein Mentor bremst ihn in seiner Begeisterung und erinnert ihn an die Natur und Ehre eines tugendhaften MĂ€dchens. Émile erhĂ€lt von den Eltern die Erlaubnis zu weiteren Besuchen. Bei den folgenden Treffen entdecken sie ihre Ă€hnlichen Lebensvorstellungen und ihre gegenseitige Liebe. Die Defizite Sophies im Tanzen, der Musik, Philosophie, Geschichte, Mathematik und den Naturwissenschaften werden mit Émiles Hilfe ausgeglichen, sie folgt ihm mit VergnĂŒgen, begreift alles, behĂ€lt aber, außer in der Sittenlehre und Religion, nicht viel davon. Es geht nicht so sehr um die Erweiterung ihres Wissens, als um das GesprĂ€ch der beiden ĂŒber geistige Themen und ihre zunehmende Vertrautheit miteinander durch das gemeinsame Unterrichten und Lernen. Émile gerĂ€t durch die NĂ€he zur Freundin immer mehr in eine emotionale AbhĂ€ngigkeit. Doch sie lĂ€sst sich Zeit und reagiert der weiblichen Natur entsprechend auf seine stĂŒrmische Werbung zurĂŒckhaltend. Sie wartet die Entwicklung der Beziehung ab, auch nachdem ein Grund ihrer Bedenken, der finanzielle Unterschied zwischen beiden Familien, der Émile gar nicht bewusst war, ausgerĂ€umt werden kann, da ihm Geld nichts bedeutet und fĂŒr die Werte des Lebens nicht entscheidend sind. „Sie erfreut sich in Bescheidenheit eines Sieges, der sie ihre Freiheit kostet.“

Émile beschĂ€ftigt sich in dieser Phase der Werbung weiterhin mit naturkundlichen und landwirtschaftlichen Studien, berĂ€t die Bauern ĂŒber Anbaumethoden, hilft Armen und UnglĂŒcklichen in Notlagen und arbeitet an zwei Tagen zusammen mit seinem Mentor in einer Schreinerei. Sophie ist davon beeindruckt, besonders von einer Hilfsaktion fĂŒr einen verunglĂŒckten Bauern und seine schwangere Frau, obwohl Émile dadurch einen Besuch bei ihr versĂ€umt und sie in Sorge um ihn war, weil keine Nachricht von ihm eintraf. Als er ihr die PrioritĂ€t mit dem Vorrang der Menschlichkeit vor einem privaten VergnĂŒgen erklĂ€rt, bietet sie ihm spontan ihre Hand an, bittet ihn, ihr „Gatte und Herr“ zu werden, und hilft bei der Pflege des Kranken und seiner Frau. WĂ€hrend Sophie, als sie Émile bei seiner Schreinerarbeit beobachtet, erkennt „das ist der Mann“, ergeht es ihrem Geliebten in der Parallelsituation Ă€hnlich. Bei ihrer tatkrĂ€ftigen Pflege unter Missachtung von Schmutz und schlechtem Geruch denkt er: „[D]as ist die Frau.“

Probezeit

Aus dieser GlĂŒckseligkeit wird Émile durch ein GesprĂ€ch mit seinem Mentor herausgerissen. Er warnt ihn vor einer vorzeitigen Bindung aus Leidenschaft: Bisher ist er nur „scheinbar“ frei gewesen. Ein wahrhaft tugendhafter Mensch muss sein Verlangen besiegen können und bereit sein, seiner Vernunft, seinem Gewissen und seiner Pflicht zu folgen. Jede Leidenschaften sind gut, wenn man sie beherrscht: „Die Natur verbietet uns, unser Verlangen ĂŒber unser Vermögen hinauswachsen zu lassen.“ Man ĂŒberschreitet die Grenzen seiner Existenz, wenn man „in seinen unsinnigen WĂŒnschen Unmögliches fĂŒr möglich hĂ€lt“. Jean-Jacques bezeichnet dies als „Illusion des Hochmuts“. Émile mĂŒsse jetzt „wahrhaft frei“ werden und lernen, sein „eigener Herr zu werden“ und seinem Herzen zu gebieten. Er mĂŒsse lernen, zu verlieren, was ihm vom Schicksal genommen werden könne. Sophie ist 17 Jahre alt, Émile 22, sie lieben sich seit ca. 5 Monaten. In einer zweijĂ€hrigen Probezeit, in der sie sich nicht sehen, sollen sie herauszufinden, ob ihre Liebe fĂŒr ein Leben reicht. Émile muss sich außerdem mit seiner zukĂŒnftigen Rolle als Ehemann, Vater, Glied eines Landes, mit der bĂŒrgerlichen Ordnung sowie mit seinen Pflichten und Rechten vertraut machen. Jean-Jacques erinnert den seinem Plan widerstrebenden Émile an ihren Vertrag,cite-ref-a4-10-0[A 7] den sie am Ende seiner Lehrzeit abgeschlossen haben und der ihm als Mentor die Verantwortung ĂŒbertrĂ€gt. Mit seinen Gedanken ĂŒberzeugt er auch Sophie und ihre Eltern.

Im Abschnitt „Über das Reisen“ vergleicht der Autor die Reisekultur zu verschiedenen Zeiten und fragt nach deren Sinn. Von den traditionellen Bildungsreisen durch die großen StĂ€dte hĂ€lt er nicht viel. Geist und Sitten eines Volkes könne man am besten in der Provinz kennenlernen: Émile beobachtet auf seiner Europa-Tour menschliches Verhalten und die Gesellschaftssysteme. Er erweitert damit seinen Bildungshorizont und wird sich ĂŒber seine Rechte und Pflichten, ĂŒber den Vertrag zwischen ihm als BĂŒrger und dem Staat und ĂŒber seinen Beruf klar. Èmile wĂŒnscht sich einen von ihm selbst bewirtschafteten kleinen Gutshof, doch Jean-Jacques erklĂ€rt ihm, dass dessen SelbstĂ€ndigkeit von den Reichen und MĂ€chtigen gefĂ€hrdet ist, die ihren Besitz stĂ€ndig erweitern wollen. Ein freier Besitz setzt einen Staat mit einem Rechtssystem voraus, das die Freiheit der BĂŒrger garantiert. Dazu bedarf es eines „Gesellschaftsvertrags“ als „Basis jeglicher bĂŒrgerlichen Gesellschaft“: Im Folgenden erlĂ€utert der Autor Émile seine Vorstellung:

Der Gesellschaftsvertrag

Um den Gesellschaftsvertrag schließen zu können, muss Émile wissen, was es heißt, er gehorche sich selbst, wenn er einem Gesetz gehorcht – denn dieses wird im Gesellschaftsvertrag mit Blick auf das GlĂŒck eines jeden beschlossen. Er darf nicht Sklave von Ehrgeiz, falschen BedĂŒrfnissen und der Meinung anderer sein, da er sonst nicht imstande wĂ€re, den Gesellschaftsvertrag bei einer Verletzung desselben zu kĂŒndigen und seine ursprĂŒnglichen Rechte wieder einzunehmen – dafĂŒr muss er vorher die natĂŒrliche Freiheit kennenlernen. Sein Mentor erlĂ€utert ihm das Prinzip des Paktes: „Jeder von uns tut mit allen anderen seine GĂŒter, seine Person, sein Leben und seine ganze Kraft unter der oberen FĂŒhrung des Allgemeinwillens zusammen, und wir als Körper empfangen jedes Glied als einen vom Ganzen untrennbaren Teil.“ Aus dem Gedanken der VolkssouverĂ€nitĂ€t und ihrer Übertragung an eine Regierung leitet der Autor verschiedene Systeme ab, nennt Vor- und Nachteile und kommt zu dem Schluss, dass die Demokratie fĂŒr kleine, ĂŒberschaubare Staaten angemessen ist. Unter keiner Regierungsform gebe es echte Freiheit, doch allein der „Anschein der Ordnung“ und des „allgemeinen Wohls“ sei ein Motiv, „sein eigenes Interesse dem allgemeinen Interesse zu opfern.“: Auch unvollkommene Gesetze lehren uns die „Selbstbeherrschung“.

Heirat und Familie

Nach zwei Jahren kehrt Émile mit seinem Meister zurĂŒck, um in der lĂ€ndlichen Heimat Sophies mit einfachen Menschen, in gegenseitiger Hilfe, unabhĂ€ngig von seinem ererbten Reichtum, allein mit der Arbeit seiner HĂ€nde nach dem „ewigen Gesetz der Natur und der Ordnung, [die] vom Gewissen und der Vernunft tief in sein Herz geschrieben“ sind, zu leben. Der Autor verzichtet auf die Schilderung der Zukunft des Paares. Nach der Wiedervereinigung und der Hochzeit Sophies und Émiles gibt er ihnen noch einige RatschlĂ€ge fĂŒr eine glĂŒckliche Ehe, die nicht auf ZwĂ€ngen, sondern nur auf Freiwilligkeit der Liebe basiert, aber auch auf der Bereitschaft, auf die BedĂŒrfnisse des anderen einzugehen: Wenn der Mann zu Hause glĂŒcklich lebt, ist auch die Frau glĂŒcklich. Im Laufe der Zeit verlagern sich die Schwerpunkte. „Leere Momente“ werden von einer „sĂŒĂŸen Gewohnheit“ angefĂŒllt, der „VerzĂŒckung der Leidenschaft“ folgt „der Zauber des Vertrauens“, die Kinder knĂŒpfen zwischen ihnen „ein Band, das nicht weniger sĂŒĂŸ und oft stĂ€rker ist als die Liebe selbst“. Jean-Jacques gibt seine Aufgabe als Mentor an Sophie weiter. Der Roman schließt mit den Anzeichen ihrer Schwangerschaft einige Monate nach ihrer Hochzeit. Émile will sein Kind nach dem Vorbild seines Meisters erziehen, der weiterhin sein Berater bleibt.

Die sieben pÀdagogischen Prinzipien

(Quelle: cite-ref-11[4])

Der Eigenwert der Kindheit

„Man muss den Erwachsenen als Erwachsenen und das Kind als Kind betrachten“,cite-ref-12[5] sagt Rousseau. Das bedeutet, die Kindheit soll nicht nur als Durchgangsstadium zum Erwachsensein angesehen werden, darf nicht einer ungewissen Zukunft geopfert werden, sondern gilt als eigenstĂ€ndige, vollwertige Lebensspanne.

Die Kindheit studieren

Gleich im Vorwort zum Emile wirft Rousseau seinen Zeitgenossen vor: „Man kennt die Kindheit nicht: mit den falschen Vorstellungen, die man von ihr hat, verirrt man sich um so mehr, je weiter man geht.“ Man versuche, aus dem Kind so schnell wie möglich einen BĂŒrger der Gesellschaft zu machen. Dabei sei das Kind noch viel zu sehr „Natur“ und erst mal auf die Ausbildung seiner Sinne, Organe und Glieder angelegt. Wenn zu frĂŒh damit angefangen wird, die ursprĂŒnglichen GefĂŒhle, Neigungen und BedĂŒrfnisse mit aufgepfropften Idealen, anerzogenen Gewohnheiten und unverstandenen Pflichten zu unterdrĂŒcken, so bringe man einen entzweiten Menschen hervor und arbeite seinen eigenen Zielen zuwider.

Negative Erziehung

Negative Erziehung heißt in erster Linie verhindern, dass etwas passiert. Es gehe nicht darum, Zeit zu gewinnen, sondern zu verlieren. Die erste Erziehung „darf das Kind nicht in der Tugend und in der Wahrheit unterweisen, sondern sie muss das Herz vor Lastern und den Verstand vor IrrtĂŒmern bewahren“.cite-ref-13[6] Ab dem zwölften Lebensjahr, so Rousseau, sei das Kind in der Lage, seinen Geist der Vernunft zu öffnen. Davor dĂŒrfe man nicht mit Moralvorstellungen an es herantreten, sondern mĂŒsse es durch die Notwendigkeit der Dinge erziehen. Das hat eine Entmoralisierung der PĂ€dagogik zur Folge, in der die Natur die Position des Erziehers ĂŒbernimmt. Allerdings nur insoweit, als der Erzieher ihre Einwirkung herbeifĂŒhrt, um das Kind seinen WĂŒnschen entsprechend zu formen.

SexualitÀt

In der Sexualerziehung vertrat Rousseau restriktive Vorstellungen. Das Kind solle ĂŒber Sex und SexualitĂ€t in völliger Unwissenheit gelassen werden. Nach der PubertĂ€t dĂŒrfen direkte Fragen zu dem Themenkreis zwar beantwortet werden, doch soll der Erzieher so sparsam wie möglich informieren und die Geschlechtsorgane und Geschlechtsfunktionen als abstoßenden, gefĂ€hrlichen und streng zu kontrollierenden Teil des Menschen darstellen.cite-ref-14[7]

Erfahrungslernen

Es gibt nach Rousseau dreierlei Lehrer: die Natur, die Menschen und die Dinge. Erstere entwickelt unsere FĂ€higkeiten und KrĂ€fte, die Mitmenschen lehren uns deren Gebrauch und die Dinge erziehen uns durch die Erfahrung, die wir mit ihnen machen, und durch die Anschauung. Die Aufgabe des Erziehers ist, dafĂŒr zu sorgen, dass die drei Erzieher im Gleichgewicht sind, da der SchĂŒler ansonsten schlecht erzogen und immer uneins mit sich wĂ€re. Das Ziel der Erziehung ist dabei das der Natur selbst; denn die Dinge und die Menschen können zumindest zum Teil, die Natur aber gar nicht beeinflusst werden, weshalb die zwei anderen nach ihr ausgerichtet werden mĂŒssen. Elementar fĂŒr Rousseau ist dabei der Verzicht auf Macht gegenĂŒber dem Zögling: „Befehlt ihm nie und nichts, was es auch sein mag. (
) Er braucht nur zu wissen, dass er schwach ist und ihr stark seid, dass er also notwendigerweise von euch abhĂ€ngig ist“.cite-ref-15[8] Dies fĂŒhre zu einer gesunden Beziehung zwischen ihm und dem Erzieher und vermeide das ĂŒbliche MachtverhĂ€ltnis mit Unterwerfung des SchĂŒlers. Aller Zwang soll ersetzt werden durch Notwendigkeit, welche dem Kinde einsichtiger ist: „Mit dem Band der Notwendigkeit bindet, treibt oder hĂ€lt man es zurĂŒck, ohne dass es murrt. Die bloße Macht der Dinge macht es gefĂŒgig und folgsam“.cite-ref-16[9] Rousseau kritisiert die LehrplĂ€ne der damaligen Zeit, die die Lernenden mit Inhalten konfrontieren, die fĂŒr sie keine erkennbare unmittelbare Bedeutung haben. Dieser Bezug zur eigenen Lebenswirklichkeit mĂŒsse aber gegeben sein, wenn Inhalte gelernt werden sollen. Dieser Vorgang des Lernens entspreche gleichsam einem natĂŒrlichen Lernen.

„Wenn man, nach dem Grundriss den ich zu entwerfen angefangen Regeln folgt, die den ĂŒblichen gerade entgegengesetzt sind, wenn man den Geist seines Zöglings nicht unaufhörlich in die Ferne fĂŒhrt, wenn man ihn nicht an andere Orte, in andere Himmelsgegenden, in andere Jahrhunderte, an die Ă€ußersten Enden der Erde, ja bis in den Himmel schweifen lĂ€sst, sondern sich vielmehr befleißigt, ihn stets in sich selbst und auf dasjenige aufmerksam zu erhalten, was ihn unmittelbar angeht, alsdann wird man ihn zum Empfinden, zum Behalten und sogar zum Urteilen fĂ€hig finden. Dies ist die Ordnung der Natur.“cite-ref-17[10]

Erziehung

Die Einteilung von Kindheit und Jugendalter leitet sich von Rousseaus Beobachtungen her und beschreibt vier Phasen: die Kindheit (Alter der Natur, Geburt bis zum dritten Lebensjahr), das Knabenalter (Alter der StĂ€rke, bis zum zwölften Lebensjahr), die VorpubertĂ€t (Alter der Vernunft, zwölf bis fĂŒnfzehn) und die PubertĂ€t, auch JĂŒnglingsalter – adolescence – genannt (Alter der Einsicht, bis zum zwanzigsten Lebensjahr). Nach ihrem Abschluss ist Emile der Begleitung seines Erziehers nicht mehr bedĂŒrftig, dieser kann ihm aber noch als Freund erhalten bleiben.

Das noch nicht oder unvollkommen sprechende Kind

‱ Man muss ihm den Gebrauch seiner geringen KrĂ€fte lassen und darf seinen Forschungstrieb nicht unterdrĂŒcken.
‱ Man muss ihm seine fehlenden KrĂ€fte ersetzen und ihm beistehen; allerdings beschrĂ€nkt sich dies auf die Befriedigung der natĂŒrlichen und notwendigen BedĂŒrfnisse (ErnĂ€hrung, Hygiene, Schutz
).
‱ Rousseau: „Die Erziehung des Menschen beginnt mit der Geburt. Ehe er spricht, ehe er hört, lernt er schon. Die Erfahrung eilt der Belehrung voraus.“cite-ref-18[11]

Der Knabe

‱ Diese Lebensspanne ist der körperlichen ErtĂŒchtigung, der Geschicklichkeit und SchĂ€rfung der Wahrnehmung vorbehalten.
‱ Das wird praktisch erreicht durch Arbeit, Erkundung, Nachahmung und Spiel, wobei das Kind durch SelbsttĂ€tigkeit, in Versuch und Irrtum seine FĂ€higkeiten erwerben soll.
‱ Es wird der grĂ¶ĂŸte Wert auf eigene Erfahrungen und das daraus resultierende VerstĂ€ndnis der Welt gelegt.

Das erstarkte Kind vor der PubertÀt

‱ In dieser Lebensphase werden der erwachende Verstand und die Vernunft angesprochen, d. h., es beginnen Unterricht und Studien. Aber: „Es handelt sich nicht darum, ihm die Wissenschaften beizubringen, sondern darum, dass es Gefallen an ihnen finde, um sie zu lieben, und ihm die Methoden zu vermitteln, um sie lernen zu können, wenn diese Vorliebe besser entwickelt ist. Das ist bestimmt ein Erzgrundsatz einer jeden guten Erziehung.“
‱ Wozu nĂŒtzt das? „Das ist von nun an das geheiligte Wort, das zwischen ihm und mir ĂŒber alles Tun in unserem Leben entscheidet.“cite-ref-19[12]
‱ Das Ziel zum Abschluss dieser Lebensphase ist ein arbeitsames, mĂ€ĂŸiges, krĂ€ftiges, geduldiges und, vor allen Dingen, urteilsfĂ€higes Kind, das zwar wenige, aber dafĂŒr grĂŒndliche Kenntnisse sein Eigen nennt. Das Gegenteil von ihm sind die „halbgebildeten“, d. h. unterrichteten Kinder seines Alters, die sich mit Vielem beschĂ€ftigen (alte Sprachen, Physik, Geschichte
), aber Weniges verstehen.

Die Reifezeit

‱ Das bisher handelnde und denkende Wesen wird nun auch ein liebendes und empfindendes, und damit droht nun eine neue Art der AbhĂ€ngigkeit: die von einer geliebten Person (bisher kannte das Kind nur die Selbstliebe).
‱ Leidenschaften, welche das Kind vorher nicht kannte, drohen den Jugendlichen nun zu ĂŒberwĂ€ltigen; wie aber ist es möglich, der Leidenschaft gewachsen zu sein, also zu lieben und selbstĂ€ndig zu bleiben?

Rousseaus Maßnahmen:

1. Der Erzieher wird zum Freund, dessen der Zögling bedarf.
2. Die Leidenschaften werden ihrer Heftigkeit dadurch beraubt, dass man sie AnlÀssen wie Sport, Jagd und Wandern aussetzt.
3. Neben der Selbstliebe ist Mitleid die zweite der ursprĂŒnglichen Regungen; sie soll im Jugendlichen erweckt und gefördert werden.
4. Das Studium der Literatur und Geschichte sollen den Zögling in der Rolle des Beobachters die Menschen sehen lernen lassen, wie sie sind.
5. Dem Zögling werden Begriffe, Ideen und eine Vorstellung vom Ganzen gegeben, also Religion nahegebracht.
6. Der Erzieher sucht die GefĂ€hrtin des Zöglings mit großem Bedacht selbst aus. Er lĂ€sst ihn sich eine Vorstellung von ihr machen, und dieses gedachte Ideal wird nun der Vergleich fĂŒr jede wirkliche Frau.

Die Erziehung zum BĂŒrger

„Emile ist nicht dazu geschaffen, um immer einsam zu bleiben. Als Glied einer Gemeinschaft muss er ihre Pflichten erfĂŒllen.“cite-ref-20[13] Der Zögling, bislang in der Einsamkeit zur UnabhĂ€ngigkeit erzogen, sollte zuletzt in der Lage sein, den Gesellschaftsvertrag zu schließen und in der Gemeinschaft zu bestehen. In ihm selbst erwacht die Sehnsucht nach einer GefĂ€hrtin, woraufhin sein Erzieher ihn anhand einer fĂŒr ihn bestimmten Frau die Kostbarkeit und die Probleme von Bindung unter Menschen ĂŒberhaupt erfahren und bewĂ€ltigen lĂ€sst, was als Vorbereitung fĂŒr die große Vertragsgemeinschaft, die Gesellschaft, welche der Zögling spĂ€ter eingehen soll, dient. Dazu gehört Menschenkenntnis, und es genĂŒgt nicht mehr nur die durch LektĂŒre erworbene, sondern sie muss erprobt und angewendet werden. Daher wird der junge Mensch eine lĂ€ngere Reise durch Europa antreten, binnen welcher er sich prĂŒft, seine WĂŒnsche und Vorstellungen von der Zukunft konkretisiert. Er vergleicht die Fremde mit dem Heimatland, um dann eine freie Wahl treffen zu können. Mit welchem Volk, in welchem Land möchte er seine Existenz aufbauen und als Glied der Gemeinschaft den Gesellschaftsvertrag schließen?

Die natĂŒrliche Religion

Die natĂŒrliche Religion nach Rousseau beruht auf Erfahrungen und Überlegungen, die allen zugĂ€nglich sind. Emile soll keine Weltanschauung aufgedrĂ€ngt werden, damit er diejenige wĂ€hlen kann, zu der ihn seine eigene Meinung fĂŒhrt.

Rezeption und Publikationsgeschichte

Rousseaus gesellschaftskritische Schriften waren von Anfang an heftiger Kritik ausgesetzt. Wie sein Contrat social wurde sein im Mai erschienener Émile Anfang Juni 1762 beschlagnahmt. Die Sorbonne verurteilte das Buch Anfang Juni, das Parlement von Paris verbot es wenige Tage danach und erließ einen Haftbefehl gegen Rousseau. Stein des Anstoßes war vor allem die im Émile im 4. Buch als Einschub enthaltene Profession de foi du vicaire savoyard („Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars“). In diesem Text trĂ€gt Rousseau eine Philosophie von Erkenntnis und Moral vor, in der das eigene Herz bzw. Gewissen die Entscheidungen trifft. Im folgenden Entwurf einer „natĂŒrlichen Religion“ ĂŒbt der Autor scharfe Kritik an jeglicher Religion, die sich auf eine Offenbarung grĂŒndet. Dies stieß auf Widerstand bei französischen und Genfer AutoritĂ€ten, darunter der Erzbischof von Paris Christophe de Beaumont und Vertreter des Calvinismus. In Genf und Paris wurden Exemplare des Émile, in Genf auch der Gesellschaftsvertrag, verbrannt.cite-ref-21[14]cite-ref-22[15]

Rousseau flĂŒchtete aus Frankreich und fand Aufnahme bei seinem Freund DaniĂ«l Roguin in Yverdon, wurde aber sehr rasch ausgewiesen.cite-ref-23[16] Im Juli gewĂ€hrte ihm der Gouverneur der damaligen preußischen Exklave NeuchĂątel/Neuenburg Keith Asyl und etwas spĂ€ter sogar das BĂŒrgerrecht. Rousseau ließ sich im abgelegenen neuenburgischen Dorf MĂŽtiers nieder und schrieb dort Ende 1762 eine erste Verteidigungsschrift, einen offenen Brief an den Pariser Erzbischof:

„Solange der Mensch keine Vergleiche angestellt und seine BezĂŒge zu anderen völlig ignoriert hat, gibt es noch kein Gewissen. ... Sobald die Menschen sich aber weiter entwickeln ... richten sie ihre Augen auf ihresgleichen. Sie sehen dann ihre gegenseitigen Beziehungen, und auch die der Dinge untereinander. Dann greifen sie Auffassungen auf, die Übereinkommen, Gerechtigkeit und Ordnung bedeuten; sie entwickeln ein GefĂŒhl fĂŒr das moralisch Gute, und das Gewissen wird nach und nach in ihnen lebendig. Erst dann besitzen sie Tugenden; und selbst wenn sie weiter Laster haben, dann deshalb, weil ihre Interessen sich kreuzen und weil ihr Ehrgeiz erwacht ist, in dem Maße, wie ihre Erkenntnisse sich verbreiten.“cite-ref-24[17]

Rousseau beklagt in seinem Brief, dass Beaumonts Polemik nur deshalb so wirksam sei, weil dieser ĂŒber große Machtmittel verfĂŒge, die beiden daher nicht auf gleicher Augenhöhe verhandelten:

„WĂ€ren Sie ein Privatmann wie ich, dann könnte ich Sie vor einen gerechten Richterstuhl laden. Wir wĂŒrden uns beide dort einstellen, ich mit meinem Buch und Sie mit ihrem Hirtenbrief, und Sie wĂŒrden sicherlich fĂŒr schuldig erklĂ€rt und verurteilt werden. Aber Sie nehmen eine Stellung ein, in der man nicht gerecht zu sein braucht.“cite-ref-25[18]

Der Den Haager Verleger NĂ©aulme befĂŒrchtete wegen der Brisanz des unter seinem Verlegernamen herausgegebenen Werkes Schwierigkeiten. Er beauftragte den Berliner reformierten Theologen Formey, der einen Anti-Emile (1762) verfasst hatte, damit, Rousseaus Werk „von allem [zu] reinigen, was Grund zum Ärgernis geben könnte“. Dieser verfasste seinen „Emile chrĂ©tien“ (1764), in dem wesentliche Teile des Originals weggelassen oder umgeschrieben wurden. Rousseau reagierte darauf empört.cite-ref-26[19]

27 Jahre spĂ€ter wurde Rousseau zu einer mythischen Figur der Französischen Revolution und seine Rezeption Ă€nderte sich schlagartig. Bei einem der dringlichsten Anliegen der neuen Regierung, der Reform des Bildungswesens und der Schaffung eines Systems öffentlicher Schulen, zitierte man eifrig aus seinem Émilecite-ref-a10-27-0[A 8] und berief sich allerorten auf ihn.cite-ref-a11-28-0[A 9]

Wie die Bibliografiecite-ref-29[20] zeigt, sind zwischen der ersten Veröffentlichung des Werkes 1762 bei Jean NĂ©aulme in Den Haagcite-ref-30[21] bis zum Ende des 18. Jahrhunderts 59 unterschiedliche Editionen in Französisch und 21 Veröffentlichungen in einer Fremdsprache erfolgt. Wenn man jedoch die unterschiedlichen Druckauflagen und Auslieferungen hinzunimmt, erhöht sich die Zahl allein in französischer Sprache auf 73.cite-ref-31[22] Nach Rousseaus Tod bildeten seine Freunde die SociĂ©tĂ© typographique de GenĂšve, um eine endgĂŒltige Herausgabe seiner vollstĂ€ndigen Werke zu ermöglichen, die nach dem Willen Rousseaus auch seine handschriftlichen Anmerkungen enthielt. Der Edition dieser Gesellschaft folgten zwischen 1780 und 1782 zehn weitere Editionen, darunter drei allein des Émile. Einen markanten Einschnitt innerhalb der Publikationsgeschichte bildet die Französische Revolution. Danach nahm nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa in allen Bevölkerungsschichten (davon zeugen die unterschiedlichen AusstattungsqualitĂ€ten der erschienenen BĂŒcher) das Interesse am Émile zu. Einzige Ausnahme von diesem Trend bildet England, das sich schon vor der Revolution von Rousseau abgewandt hatte.cite-ref-a8-32-0[A 10]

Rousseaus Thesen leiteten eine Revolution in der PĂ€dagogik ein und beeinflussten alle berĂŒhmten Erzieher des 19. Jhs. wie Pestalozzi, Herbart und Fröbel.cite-ref-33[23] Heute gilt Rousseau als Vordenker im Detail unterschiedlicher Reformbewegungen wie der ReformpĂ€dagogik, der ErlebnispĂ€dagogik, der AnschauungspĂ€dagogik sowie der AntiautoritĂ€ren Erziehung.

Literatur

‱ Jean-Jacques Rousseau: Emil oder ĂŒber die Erziehung. Ferdinand Schöningh, Paderborn 1971, ISBN 3-506-78062-X, zahllose Ausgaben davor und danach.
‱ Jean-Jacques Rousseau: Über die Erziehung. AusgewĂ€hlt und eingeleitet von Rosemarie Wothge. Verlag Volk u. Wissen, Berlin 1958, Einleitung von R. W. S. 9–30 insbesondere zum Émile; aus diesem AuszĂŒge S. 89–206.

‱ Hartmut von Hentig: Rousseau oder Die wohlgeordnete Freiheit (= Beck’sche Reihe 1596). C. H. Beck, MĂŒnchen 2004, ISBN 3-406-51103-1.
‱ Alfred SchĂ€fer: Jean-Jacques Rousseau. Ein pĂ€dagogisches PortrĂ€t (= Uni-TaschenbĂŒcher 2287 PĂ€dagogik). Beltz, Weinheim u. a. 2002, ISBN 3-407-25263-3.
‱ Stefan Zweig: Einleitung zu einer zusammengefaßten Ausgabe von Jean-Jacques Rousseau’s „Emil oder Über die Erziehung“. In: Stefan Zweig: Begegnungen mit BĂŒchern. AufsĂ€tze und Einleitungen aus den Jahren 1902–1939 (= Fischer-TaschenbĂŒcher 2292). Herausgegeben und mit einer Nachbemerkung versehen von Knut Beck. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-596-22292-3, Kapitel 24, (E-Text).

Weblinks

Wikisource: Émile, ou De l’éducation

– Quellen und Volltexte (französisch)

‱ Jean-Jacques Rousseau: Émile, Ou De L’Éducation. Band 1-5. Paris 1824. Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3Dhttp%3A%2F%2Fgoobiweb.bbf.dipf.de%2Fviewer%2Ftoc%2F512666733%2F1%2FLOG_0000%2F~GB%3D~IA%3D~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D
‱ Digitalisat der deutschen Übersetzung von C. F. Cramer, mit Anmerkungen von J. H. Campe, Braunschweig 1789–1791: 1. Teil, 2. Teil, 3. Teil, 4. Teil
‱ VollstĂ€ndige Onlineausgabe, Übersetzung nach Hermann Denhardt

Anmerkungen

cite-note-a6-2A 1. ↑ Es folgten Übersetzungen von Hermann Denhardt bei Ph. Reclam (Leipzig o. J.), Carl Friedrich Cramer bei Rellstab (Berlin, 1785-1787) und J. H. Campe (Braunschweig, 1789–1791) sowie von Martin Rang und Eleonore Sckommodau bei Reclam (Stuttgart, 1963 u. 1998)
cite-note-a9-3A 2. ↑ Seneca: De ira, Buch II, Kap. XIII. „Wir leiden an heilbaren Krankheiten und die Natur hilft uns, die wir zum rechten Dasein geschaffen sind, wenn wir uns nur bessern lassen wollen.“
cite-note-a1-4A 3. ↑ Émile tritt im dritten Buch, nach gelegentlichen vorherigen ErwĂ€hnungen, zum ersten Mal persönlich in einem Dialog mit seinem Erzieher Jean-Jacques auf. Sophie, ihre Eltern und ihre Erziehung werden im 5. Buch beschrieben. Eine Émile-Sophie-Romanhandlung entwickelt sich erst im 5. Buch.
cite-note-a5-5A 4. ↑ Satire II, 6, 1: https://gottwein.de/Lat/hor/horsat206.php, bzw. carmina II, 10: https://gottwein.de/Lat/hor/horc210.php
cite-note-a3-7A 5. ↑ Am Ende des ersten Buches: „Es lebt und hat selbst kein Bewusstsein seines Lebens“ (Ovid, Tristia, I, 3)
cite-note-a2-9A 6. ↑ Die Vereinbarung zwischen dem SchĂŒler und seinem Mentor erinnert an Rousseaus Contrat social.
cite-note-a4-10A 7. ↑ Weitere Parallele (s. Anm. 6) zu Rousseaus Contrat social
cite-note-a10-27A 8. ↑ Auf den ersten Blick erscheint es aber paradox, hierfĂŒr den Émile in Betracht zu ziehen, da dieser vielmehr eine Einzelerziehung fernab der Gesellschaft dargestellt hatte. Denn Rousseau hatte es als unmöglich angesehen, einen Menschen und einen BĂŒrger gleichzeitig zu erziehen; man mĂŒsse zwischen beiden alternativen Erziehungszielen wĂ€hlen. Dies kann auf dem Hintergrund der Überzeugung verstanden werden, dass fĂŒr Rousseau zwischen dem moralischen Wesen des Individuums und dem öffentlichen Bereich der Politik eine untrennbare organische Verbindung besteht. Wenn Rousseau seinen Zögling von der Gesellschaft fernhĂ€lt, dann also, weil diese nicht zu erneuern sei. FĂŒr die französischen RevolutionĂ€re hingegen bedurfte die neue Gesellschaft allerdings eines neuen Menschen. Und so haben die seinerzeitigen Bildungsreformer und PĂ€dagogen die Ideen und Vorstellungen des Émile aufgegriffen, obwohl diese sich auf eine völlig andere Situation bezogen hatten (Jean Bloch: Emile et le dĂ©bat rĂ©volutionnaire sur l’éducation publique. In: Robert ThiĂ©ry (Hrsg.): Rousseau, l’Émile et la RĂ©volution. Actes du colloque international de Montmorency. Universitas Paris. Ville de Montmorency 1992. ISBN 2-7400-0002-2. S. 339.) Die rousseauistische Bildungstheorie stand hierbei in einem Wettstreit mit dem liberalen Projekt von Condorcet.
cite-note-a11-28A 9. ↑ Eine genaue LektĂŒre der betreffenden Schriften zeigt indes, dass sich die unterschiedlichsten Lehrmeinungen auf den Émile beriefen, wobei es mitnichten als gesichert gelten darf, dass die betreffenden Autoren die Ideen Rousseaus, die der traditionellen PĂ€dagogik gegenĂŒber oft provozierend klingen mussten, in ihrer authentischen pĂ€dagogischen Bedeutung ĂŒbernommen oder ĂŒberhaupt völlig erfasst hatten. (Peter Jimack: La thĂ©orie d’une Ă©ducation rĂ©publicaine de Philippe Serane : imitation ou rĂ©futation d’Emile. In: Robert ThiĂ©ry (Hrsg.): Rousseau, l’Émile et la RĂ©volution. Actes du colloque international de Montmorency. Universitas Paris. Ville de Montmorency 1992. ISBN 2-7400-0002-2. S. 363ff.)
cite-note-a8-32A 10. ↑ Ein wesentlicher Grund dafĂŒr ist sein heftiges ZerwĂŒrfnis mit Hume wĂ€hrend seines kurzen England-Aufenthalts. Noch heute finden BĂŒcher dazu in England großen Zuspruch, z. B. der Tatsachenroman Rousseaus Hund: Zwei Philosophen, ein Streit und das Ende aller Vernunft von David Edmonds, John Eidinow. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 2008, Übers. Sonja Finck ISBN 3-421-04251-9

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Doppelausgabe von Nicolas Bonaventure Duchesne und Jean NĂ©aulme in Den Haag/Amsterdam. FĂŒr beide Ausgaben und die Nachdrucke wurde als Erscheinungsort Den Haag und als Verleger NĂ©aulme angegeben: Martin Rang: Einleitung zu: Jean-Jacques Rousseau: Emile oder Über die Erziehung. Reclam Stuttgart, S. 97.
cite-note-62. ↑ zitiert, wie auch im Folgenden, nach: Jean-Jacques Rousseau; „Emile oder Über die Erziehung“. Reclam Stuttgart, 1963.
cite-note-83. ↑ Text im Internet: http://www.textlog.de/2350.html
cite-note-114. ↑ Hartmut von Hentig fasst Rousseaus Erziehungslehre in sieben „pĂ€dagogischen Prinzipien“ zusammen.
cite-note-125. ↑ Emil, S. 76.
cite-note-136. ↑ Emil, S. 72.
cite-note-147. ↑ Erwin J. Haeberle: Die SexualitĂ€t des Menschen. Handbuch und Atlas. Dt. Übers. unter Mitw. von Ilse Drews de Gruyter, Berlin 1983 ISBN 3-11-008753-7 2. erw. Aufl., de Gruyter, Berlin 1985 ISBN 3-11-010694-9, ISBN 3-11-010693-0 Online-Ausgabe
cite-note-158. ↑ Emil, S. 70.
cite-note-169. ↑ Emil, S. 71.
cite-note-1710. ↑ Emile oder von der Erziehung. In der deutschen ErstĂŒbertragung von Siegfried Schmitz. DĂŒsseldorf 1997, Artemis und Winkler Verlag, S. 124
cite-note-1811. ↑ Emil, S. 38.
cite-note-1912. ↑ Emile, S. 172.
cite-note-2013. ↑ Emil, S. 352.
cite-note-2114. ↑ E. Montin: Introduction to J. Rousseau's Émile: or, Treatise on education by Jean-Jacques Rousseau, D. Appleton & Co., 1908 p. 316.
cite-note-2215. ↑ Henning Ritter (Hrsg.): Jean-Jacques Rousseau. Schriften 1, Hanser, MĂŒnchen 1987.
cite-note-2316. ↑ Christiane Landgrebe: ZurĂŒck zur Natur? Das wilde Leben des Jean-Jacques Rousseau. Beltz, 2012, S. 352.
cite-note-2417. ↑ La conscience est donc nulle dans lÊŒhomme qui nÊŒa rien comparĂ©, et qui nÊŒa point vu ses rapports. 
Quand, par un dĂ©veloppement dont jÊŒai montrĂ© le progrĂšs, les hommes commencent Ă  jetter les yeux sur leurs semblables, ils commencent aussi Ă  voir leurs rapports et les rapports des choses, Ă  prendre des idĂ©es de convenance, de justice et dÊŒordre; le beau moral commence Ă  leur devenir sensible et la conscience agit. Alors ils ont des vertus; et sÊŒils ont aussi des vices, cÊŒest parce que leurs intĂ©rĂȘts se croisent et que leur ambition sÊŒĂ©veille, Ă  mesure que leurs lumieres sÊŒĂ©tendent. Nach der Ausgabe online (PDF; 399 kB) S. 9, eigene Übers. – Gedruckte ungenĂŒgende Übers. Neuer Frankfurter Verlag, 1912, Reprints 1978 u. ö. in den Schriften, 1, Hg. Henning Ritter, Verlage Hanser, Ullstein, Fischer TB ISBN 3-596-26567-3, S. 497–589
cite-note-2518. ↑ J.-J. R.: ƒuvres complĂštes, BibliothĂšque de la PlĂ©iade, Paris 1959–1995, Bd. 4, S. 1007
cite-note-2619. ↑ Martin Rang: Anmerkungen zu: Jean-Jacques Rousseau: Emile oder Über die Erziehung. Reclam Stuttgart, o. J. Nr. 8, S. 958.
cite-note-2920. ↑ The diffusion of Emile in the eighteenth century. In: Jean Terrasse (Hrsg.): Rousseau et l’éducation. Sherbrook 1984, S. 116–125. / Bibliography of the writings of Jean Jacques Rousseau to 1800. Oxford, Voltaire Foundation, 1989.
cite-note-3021. ↑ Martin Rang: Einleitung zu: Jean-Jacques Rousseau: Emile oder Über die Erziehung. Reclam Stuttgart, S. 97.
cite-note-3122. ↑ Jo-Ann E. McEachern: La RĂ©volution française et les Ă©ditions de l’Émile en France et Ă  l’étranger. In: Robert ThiĂ©ry (Hrsg.): Rousseau, l’Émile et la RĂ©volution. Actes du colloque international de Montmorency. Universitas Paris. Ville de Montmorency 1992. ISBN 2-7400-0002-2. S. 301.
cite-note-3323. ↑ Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag MĂŒnchen, 1974, Bd. 8, S. 3077.